Die Wohnanlage Belforter Straße 5-8, Straßburger Straße 33-36 und Metzer Straße 35-37 entstand 1961 als Baugenossenschaft. Im Sommer versteckten sie sich hinter hoch gewachsenen Bäumen der zur Straßburger Straße offenen Innenhöfe. Die Mieter_innen der 110 Wohnungen wohnen dort überwiegend bereits seit der Errichtung der Häuser. Spricht man mit ihnen, erhält man eine genaue Beschreibung der Fundamente und der unter den Häusern und den Grünanlagen noch vorhandenen Kellergewölbe der früheren Brauerei sowie der Art und Weise, wie aus den Trümmersteinen die Baustoffe für den Bau der Häuser gewonnen wurden. Man erfährt auch, wie nach der Wende die Wohnungen endlich mit modernen Gasetagenheizungen ausgestattet und im Laufe von 50 Jahren die zunächst meist von Familien bewohnten Wohnungen auf das Alter und ein Leben allein oder zu zweit angepasst wurden.

Die drei Wohnblöcke an der Straßburger Straße gehörten ursprünglich der Genossenschaft der Mitarbeiter der Humboldt-Universität, einer Arbeiterwohnungsgenossenschaft (AWG). Die Genossenschaftsmitglieder erhielten durch zahlreiche Stunden gemeinnütziger Arbeiten einen Anspruch auf jene Wohnungen, die als „Zwei/Zwei-Halbe“ (2 Zimmer plus 2 halbe Zimmer) bezeichnet wurden. Rund 15 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs war eine solche für viele Familien die erste eigene Wohnung.

Nach der Wende musste die AWG mehrere Häuser aufgrund des Altschuldenhilfegesetzes verkaufen. Die Bewohner/innen gründeten eine eigene Genossenschaft, die Wohnungsbaugenossenschaft Mendelssohn-Viertel eG, um nicht an einen privaten Investor verkauft zu werden. Diese führte teilweise umfangreiche Sanierungsmaßnahmen durch, unter anderem in ebenfalls dieser Genossenschaft gehörenden Plattenbauten in der Nähe des Alexanderplatzes. Im Jahr 2004 meldete die Mendelssohn-Viertel eG Insolvenz an.

Nachdem die Häuser an der Straßburger Straße zuletzt ausländischen Fondsgesellschaften gehörten, meldete sich Anfang Juni 2010 ein neuer Käufer der Wohnanlage und versetzte die größtenteils sehr betagten Mieter_innen in große Aufregung. Der Käufer, die Firma Econcept Immobilien und Projektentwicklung GmbH & Co KG, plant den Abriss von 20 Wohnungen, um auf der so gewonnenen Fläche eine Blockrandschließung vorzunehmen. Der Geschäftsführer der Econcept KG, Rainer Bahr, bezeichnet das zynisch als „Stadtreparatur“.

Der Bezirk agierte hilflos. Zwar sollte ursprünglich der Abriss und die Umgestaltung des bauhistorisch bedeutsamen Ensembles durch eine im Mai 2011 erlassene Erhaltungsverordnung verhindert werden. Auf dieser Grundlage konnte der Bezirk die Bauvoranfrage abschlägig bescheiden. Dagegen ging der Investor juristisch vor und machte Schadensersatzansprüche von bis zu 15 Millionen Euro geltend. Der Bezirk hob im Mai 2013 die Erhaltungsverordnung auf und ließ sich auf einen Vergleich ein, der dem Investor grünes Licht gab für sein Luxusbauvorhaben. Von der Bezirkspolitik fühlen sich viele der betroffenen Mieter_innen verraten und verkauft.

Im Herbst 2013 erhöhte der Investor den Druck auf die Mieter_innen. Die Immobilienfirma econcept schickte im November 2013 den Bewohner_innen der zum Abriss vorgesehenen Gebäudeteile, die bislang einen Auszug oder entsprechende Verhandlungen verweigern, die Kündigung. Die Begründung: „mangelnde wirtschaftliche Verwertbarkeit“ der Immobilie. Dagegen spricht, dass fast alle betroffenen Wohnungen mit öffentlicher Förderung durch die Mieter_innen modernisiert worden sind und einen üblichen Standard aufweisen. Außerdem ist in den mit der früheren Eigentümerin geschlossenen Mietverträgen eine vermieterseitige Kündigung ausdrücklich ausgeschlossen.

Im Frühjahr begannen die Baumaßnahmen. Geplant sind unter anderem eine Blockrandbebauung mit Townhouses, die Aufstockung einiger Gebäude sowie der Bau einer Tiefgarage mit 220 Stellplätzen. Zunächst fielen die Bäume, im April 2014 wurde mit dem Abriss der ersten Häuser begonnen.